1998

Nach Ferdi 1951 nun Ösi 1998 - Die Schweiz hat wieder einen Weltmeister

Nach Ferdi 1951 nun Ösi 1998 - Die Schweiz hat wieder einen Weltmeister

 

Von Bruno Schildknecht

 

Natürlich – die Schweiz stellte 1978 mit Gilbert Glaus den Amateurweltmeister auf dem damaligen Nürburgring, 1996 mit Alex Zülle den Zeitfahrenweltmeister und damals in Lugano mit Barbara Heeb auch die Strassenweltmeisterin bei den Frauen: Doch einen „echten“ Weltmeister vermisste man im Land der Berge seit 1951!

 

In Varese hatte in jenem Jahr der unvergessliche Ferdi Kübler – der sich übrigens auch heute noch weit über die 70 hinaus schon, noch immer über eine beneidenswerte Gesundheit erfreut – die Krone geholt, in der Höhle des Löwen, im Land der Tifosi in einem unvergesslichen Sprint gegen Fiorenzo Magni und Antonio Bevilacqua.

Oscar Camenzind ist erst der dritte Schweizer Strassenweltmeister bei den Profis, nachdem schon 1946 in Zürich Hans Knecht das Regenbogentrikot übergestreift bekommen hatte. Vielleicht gerade deshalb, weil ein Weltmeister in Helvetien keine Selbstverständlichkeit ist, ist die Freude umso überschäumender.

 

Homepage und Fanclub

 

Oscar Camenzind, oder „Ösi“ oder „Oski“ wie sie ihn nennen, ist kein Gewöhnlicher. Denn er besitzt etwas, was sonst kein Schweizer Radprofi aufweist: einen eigenen Fanklub. Unüberseh- und insbesondere unüberhörbar ist er, mit den schweren Kuhschellen und Treicheln begleitet der Fanklub ihn an alle grossen Rennen. Und natürlich auch nach Valkenburg, wo sein grösster Fan mit Tränen in den Augen die Siegerehrung fast in Trance wahrnahm: sein eigener Vater!

Und die Internet-Homepage von Oscar Camenzind (www.oscar-camenzind.ch) war schon zehn Minuten nach der Zieleinfahrt aktualisiert („Oscar Camenzind ist Weltmeister!“). Zwar noch nicht mit dem Trikot des Weltmeisters, aber immerhin  im Schweizer Meistertrikot, das er 1996 erobert hatte.

 

Aus bescheidenen Verhältnissen

 

Camenzind_WM_4.jpg (21196 Byte)Oscar Camenzind ist kein Blender, dazu ist seine Herkunft nicht geschaffen. Der am 12.September 1971 Geborene stammt aus einer Bergbauernfamilie in Gersau, an den Gestaden des Vierwaldstättersees, wo wohl fast die Hälfte aller Einwohner Camenzind heisst. „Das Dorf am See“, das erstmals 1798 Berühmtheit erreichte, indem die Gersauer beim Einmarsch der Franzosen in die Schweiz sich vehement gegen die Besetzung wehrten und während einigen Tagen die „Freie Republik Gersau“ ins Leben riefen. Zum andern im vergangenen Jahrhundert, als gekrönte Häupter wie die damalige englische Königin Victoria ihren Urlaub jeweils im durch das milde Klima begehrten Dorf verbrachte. Und nicht zuletzt durch den Heimatdichter Josef-Maria Camenzind, der just diese Idylle in verschiedenen Büchern unsterblich werden liess.

Heute lebt Camenzind zwar im benachbarten Steinen, die Bande zu Gersau aber sind nie abgebrochen. Dort wohnt er mit seiner Freundin Angela (sie nennt ihn „Oski“), welche ihm auch die besten Älplermakkaronen – ein Teigwarengericht mit viel Käse überbacken – zubereitet, die Camenzind so liebt.

1986 startete Camenzind seine Karriere bei den Anfängern, wo er schnell aufstieg zum Amateur und Eliteamateur, ehe er 1996 seine Profikarriere in der italienischen Panaria-Equipe startete. Auch die Jahre danach blieb er Italien treu, wechselte 1997 zu Mapei, und wird auch im kommenden Jahr mit Lampre einen italienischen Arbeitgeber haben. In weiser Voraussicht liess er sich bei Lampre in den Vertrag setzen, dass er als Captain des Teams vorgesehen sei. Eine Forderung, der die Italiener jetzt nach dem WM-Erfolg wohl auch von sich aus erfüllt hätten...

 

Höhen und Tiefen

 

Oscar Camenzind durfte in seiner Karriere nicht nur Höhen erleben. So den Schweizer Meistertitel 1997 und den vierten Platz im diesjährigen Giro d’Italia (als Helfer seines Captains Pavel Tonkov notabene). Der zweite Rang in der Tour de Suisse 1997 war zwar ebenfalls ein grosser Erfolg für den Innerschweizer, doch eben „nur“ ein zweiter Platz. Denn der Goldtrikotträger musste in jener 3.Etappe von Basel nach La Chaux-de-Fonds erleben, wie ihn seine Mapei-Mannschaft total im Stich liess, als der ausgerissenen Franzosen Christophe Agnolutto zehn Minuten herausfuhr. Camenzind fuhr die Tage danach zwar wie entfesselt, doch zwei Minuten blieben am Schluss halt doch noch.

In diesem Jahr musste Camenzind kurz nach dem Giro wegen eines Furunkels am Gesäss auf die Schweizer Landesrundfahrt gar verzichten. Obwohl seine Freunde ihm mit einer Etappenankunft in Morschach – in unmittelbarer Nähe von Gersau – den Weg zu ebnen versuchten.

So ist der Weltmeistertitel 1998 gleichzeitig der erste Triumph Camenzinds in diesem Jahr. Doch ein Zufallssieg ist es nicht – das wird der zähe 27jährige in der Zukunft zu beweisen wissen!

 

„Ich habe immer daran geglaubt!“

 

„Die Weltmeisterschaft ist ein Eintagerennen, mit all den Glücksfaktoren, welche zu einem Erfolg gehören“, meinte Camenzind nach dem Rennen. „Aber ich fühlte mich gut und habe während des ganzen Rennens daran geglaubt, dass ich es schaffen würde!“ Sonst hätte er ja gar nicht an die Weltmeisterschaft zu fahren brauchen, lächelte er dazu. „Allerdings war mir klar, dass ich in einem Sprint keine Chance hätte, also musste ich unterwegs etwas probieren.“

Doch auch im Moment seines grössten Erfolgs vergass er seine Kameraden nicht. „Die Mannschaft hat sehr gut harmoniert!“, lobte er seine Mitstreiter. „Wir haben immer Präsenz markiert, zu Beginn des Rennens mit Rolf Järmann, dann mit Pascal Richard und mit Markus Zberg, der leider gestürzt ist.“ Am Schluss war es auch Niki Aebersold – schliesslich Fünfter – der sich in den Dienst des neuen Weltmeisters stellte.

So gesehen ist der WM-Titel für Oscar Camenzind und für die Schweiz auch ein Verdienst des Schweizer Teamcoaches Wolfram Lindner. Der Deutsche hatte es verstanden, im Vorfeld die Interessen der Fahrer aus verschiedenen Mannschaften unter einen Hut zu bringen und die Absenz der gesperrten Zülle, Dufaux und Armin Meier vergessen zu machen.